Montag, 11. Juli 2011

Tag 8 - Frontignan

Zeitig holten wir unsere Räder vom Innenhof, wo andere Hotelgäste gerade beim Frühstück waren. Wir liessen uns davon aber genauso wenig stören wie sie von zwei merkwürdigen Schweizern, die ihr Rad durch das Hotel trugen. Wir hatten heute einen langen Tag vor uns. Deshalb machten wir uns auf, als vor dem Hotel noch die Reinigungsmaschinen die Spuren des Vorabends verwischten. Unweigerlich fühlte man sich an Neuenburg zurückerinnert. Nur die Dimension war hier grösser und die Temperaturen trotz der frühen Tageszeit höher.

Bei der Abtei Saint Roman
Wald- und Wiesenwege
Wir liessen aber Avignon mit seinen Plakaten, seinen Putzequipen und seinem Festival hinter uns. Auf gleichem Wege wie tags zuvor hinein gelangten wir wieder auf die andere Flussseite nach Villeneuve. Erst hier drehten wir gen Südwesten ab. Flussabwärts fuhren wir nach Aramon. Die gewählten Strassen waren zwar Hauptverkehrsachsen. Doch der Verkehr hielt sich in Grenzen. Erst später, kurz vor Beaucaire nahm auch der Schwerverkehr zu. Höchste Zeit für uns, auf Nebenstrassen auszuweichen. Doch dies war leichter angedacht als getan. Nachdem wir auf dem Flussmehr von Saint Roman noch kurz verweilten und das Panorama genossen, versuchten wir auf Nebenstrassen nach Bellegarde zu gelangen. Doch bereits als wir den Abteihügel von Saint Roman umfahren hatten, kamen wir an eine Verzweigung. Keine Wegweiser, keine Autos, keine Leute, keine Ahnung. Fifty-Fifty.


Und wie soll es anders sein, wir haben natürlich die falsche Strasse genommen. Einige Kilometer erst Strasse, dann Wald- und Wiesenwege später verlief sich die Strasse im Wald, endete bei einem grossen Haus mitten in der Pampa. Um nicht noch einmal vergebens zurück zu fahren, war es nun an der Zeit, technische Hilfsmittel zur Hand zu nehmen. Das GPS des Handys sollte uns den Weg weisen. Doch die Technik versagte. Es konnte kein Signal finden. Immerhin war die Karte genauer als unsere Strassenkarte. Wir konnten anhand der gefahrenen Wege eruieren, dass der andere Weg wohl der richtige gewesen wäre. Also: Zurück zu Start. 

Wenige Minuten nach der besagten Verzweigung gelangten wir auf eine grosse, neue Strasse. Diese führte uns in die Industrievororte von Beaucaire. Immerhin konnten wir hier direkt Richtung Bellegarde abbiegen und mussten nicht durch die Stadt. Doch die Strassen wurden nun wieder befahrener. Die grossen Strassen hatten aber den Vorteil, dass man in aller Regel schneller vorankam. So erreichten wir zügig Bellegarde. Da es noch vor Mittag war, entschieden wir uns, weiterzufahren. Nächstes Ziel: Générac.

Opfer der Trockenheit
Inzwischen stand die Sonne hoch am Himmel. Die Hitze setzte uns immer mehr zu. Doch da wir gerade im Nichts waren, mussten wir weiterfahren. Hier im Nichts mussten wir aber eine schlimme Beobachtung machen: Auf einer Wiese vor Saint-Gilles waren einige Pferde auf der Weide. Ihnen setzte die Hitze mehr zu als uns. Einige standen regungslos auf der Wiese, andere schauten sich wenigstens noch um, schnupperten an den vertrockneten Grashalmen. Ein kleines Pferd jedoch lag auf dem Boden, bewegte sich nicht. Es war in einer Herde von Pferden, die alle sehr ungesund und ausgehungert aussahen, das ärmste. Bis heute weiss ich nicht, ob das Tier noch gelebt hat. Der Gedanke, mein Wasser aus den Flaschen den Pferden zu geben, kam mir. Doch auch ich hatte nur noch zwei oder drei Mundvoll. Das wäre für die Tiere nur ein Tropfen auf den sprichwörtlich heissen Stein. Wir fuhren also unseres Weges, überliessen die Tiere der Natur. Eine Natur, die in dieser Gegend anscheinend garstig war. Bäume trockneten aus, Wiesen waren mehr braun als grün und die Flussbette waren geprägt von Sand und Steinen. Die Dürre der letzten Woche hat Flora und Fauna zugesetzt.

In Générac
Warten auf das Abkühlen
Wir hatten noch einige Kilometer schlechter, holpriger Strassen vor uns, bevor wir um die Mittagszeit das kleine, verschlafene Générac erreichten. Wir liessen uns im Schatten vor der Kirche nieder, machten unsere Einkäufe im nahegelegenen „Le Petit Casino“. Während sich mein Bruder fragte, in welch abgelegenes Kaff wir uns dieses Mal verirrt hatten, war ich heilfroh, endlich eine Pause im kühlen Schatten machen zu können. Auf den von der Sonne gewärmten Steinen, aber im kühlen Schatten einiger Bäume und der Häuser legte ich mich zu einem Power-Nickerchen. Wir entschieden uns, die Mittagspause etwas auszudehnen, da die Hitze inzwischen wirklich kaum mehr erträglich war. So schlugen wir die Zeit zu Tode, assen, tranken, schliefen, schrieben Karten, hörten Musik und beobachteten die Leute, die sich hier tummelten. Am Gemeindehaus gegenüber versuchte sich ein Handwerker, die Fassade zu renovieren, im Cafe vis-a-vis tranken einige Arbeiter ein Bier. Der Pöstler von der Post auf der anderen Seite des Platzes drehte seine Runden.
Erst spät nach dem Mittag brachen wir auf Richtung Lunel. Doch welches war der richtige Weg? Der Pöstler, der gerade dabei war, sein Geschäft wieder zu öffnen, half mir weiter. Tout droit, à gauche, tout droit: Na, dann, los geht’s.

Nice to meet you!
Mein Bruder war in der langen Mittagspause wohl zu neuen Kräften gekommen. Er machte Tempo, ich hing mich an sein Hinterrad. So erreichten wir nach gefühlten Augenblicken und trotzdem schon wieder erschöpft von der Hitze Lunel. Zeit für eine weitere Pause. In den Arkaden eines grossen Supermarktes liessen wir uns nieder. Hier konnten wir unsere Zeit leicht vertreiben. Die Geschäfte luden zum Shopping. Sie waren klimatisiert, wohl gerade angenehm, doch da draussen Temperaturen um geschätzte vierzig Grad herrschten, fühlte sich die Innentemperatur an wie in der Eiszeit – angenehm. Als ich aus dem Geschäft zurückkam, war mein Bruder im Gespräch mit William. William war auch mit dem Rad unterwegs, wohnte allerdings hier in Lunel. Er interessierte sich für uns, unsere Tour. Er sprach mit meinem Bruder über die Schweiz, über Fahrraddiebstähle in Frankreich, über Gott und die Welt. Er gab uns seine Visitenkarte und wir versprachen, uns zu melden, sobald wir unser Ziel erreicht hatten oder wieder zurück in der Schweiz wären. It was very nice to meet you, William!

Zu früh gefreut
Inzwischen war es etwas nach fünf Uhr. Wir mussten weiter, hatten wir doch noch einen weiten Weg. Über „Mojo“ (eigentlich Mauguio) und vorbei am Flughafen von Montpellier gelangten wir zu einem Landstrich, der über eine Lagune nach Palavas-les-Flots führte. Die Richtung war eigentlich falsch, doch um nach Villeneuve-lès-Maguelone zu gelangen, blieb uns keine andere Wahl. Und schlimm war es nicht: Das Panorama war herrlich, die Strasse ein autofreier Radweg. Frische Meeresluft, Sonnenschein und angenehme Temperaturen entschädigten für manche Tortur. So gelangten wir nach Villeneuve-lès-Maguelone. Dies war eigentlich unser Tagesziel. Doch hier angekommen, mussten wir bald feststellen, dass es keine Hotels gab. Ein Campingplatz eingangs des Dorfes, doch wir hatten weder Camper noch Zelt dabei. Auch die anderen Übernachtungsmöglichkeiten waren auf Camping ausgerichtet. Die wenigen Hotels, die es gab, waren entweder wegen Baufälligkeit geschlossen oder die Hotelschilder waren nur zum Schein angebracht.

Auch wenn wir beide sehr erschöpft waren und uns schon auf eine kühle Dusche und ein warmes Essen gefreut hatten, blieb uns also nichts anderes übrig, als weiterzufahren. Im Licht der untergehenden Sonne fuhren wir nach Mireval. Anstatt wiederum im gesamten Ort nach Schlafplätzen zu suchen, erkundigte ich mich bei einem Herrn, der gerade auf einer Brücke dorfeingangs mit seiner Tochter den Zügen zuwinkte. Er konnte mir die Suche ersparen, es gab hier keine Übernachtungsmöglichkeit. Aber in Frontignan, dem nächsten Ort, gebe es Hotels. Nächster Halt: Frontignan.

Bei Palavas
Balajan am Strassenrand
Auf langen, flachen und geraden Strassen fuhren wir weiter. Der Gegenwind machte uns zunehmend zu schaffen, doch mit dem Ziel vor Augen kämpften wir dagegen an. Noch einmal beim Kreisel rechts, bei der Kreuzung links. Und nochmal tout droit. Wir fuhren an mehreren Weingütern vorbei, doch kein Hotel dabei. Doch dann sahen wir am Strassenrand, noch vor Frontignan, das Hotel de Balajan, seines Zeichens sogar Logis-Hotel zweiter Stufe. Einchecken, einziehen: Preis fast egal. Die Dame vom Empfang zeigte uns auch gleich die Garage für die Räder. Gleich nebenan gab’s einen Pool. Wären wir doch bloss früher hier gewesen, die Abkühlung hätte ich mir nicht nehmen lassen. Doch nun musste eine kühle Dusche reichen. Wir mussten zusehen, dass wir noch ins hoteleigene Restaurant kamen, bevor der Koch Feierabend machte.

Wir waren aber zeitig da und wurden schliesslich doch noch mit einem Teller Pasta für die Strapazen des Tages belohnt.


Sonntag, 10. Juli 2011

Tag 7 - Avignon

Wir waren nun tatsächlich schon sechs Tage unterwegs. Es war heute nun das erste Mal, dass wir an einem Sonntag unterwegs waren. Wir hatten keine Ahnung, was uns erwartete. Mit ein wenig Pech hätten alle Geschäfte am Sonntag geschlossen. Doch diesbezüglich war uns das Glück ein guter Begleiter. Bereits wenige Kilometer von St. Peray flussabwärts fanden wir irgendwo im Nirgendwo an einem überdimensionalen Kreisel eine kleine aber feine Bäckerei. Hier gab’s das obligate Croissant, das Pain au Chocolat und vor allen Dingen ein Baguette – Proviant für den restlichen Tag. Gleich nebenan gab’s zudem einen kleinen Gemüsemarkt, wo wir Wasser kaufen konnten.

Bei Cruas
Zu dritt unterwegs im Gefahrengebiet
Gut gerüstet machten wir uns also weiter flussabwärts. Heutiges Tagesziel war Avignon. Wir gelangten über Beauchastel, La Voulte-sur-Rhône nach Cruas. Hier bot sich uns ein eindrückliches Bild. Wenige Wochen nach den verheerenden Katastrophen in Japan, bei denen die Kraftwerke in Fukushima stark beschädigt wurden und ein atomares Desaster eintrat, fahren wir an einem AKW mit vier Reaktoren vorbei. Auf den ersten Blick ergab sich ein Bild für die Galerie: blauer Himmel, Sonnenschein, graue Blöcke, aus denen schneeweisser Dampf aufsteigt und zwei Fahrradfahrer, die sich an den Anlagen vorbeitrampeln. Doch ganz so idyllisch war es nicht. Es entstand schnell ein mulmiges Gefühl im Bauch, wenn man die Türme betrachtete, die doch wenig gepflegte Umgebung, und gleichzeitig an die Bilder aus Japan dachte. Wir hofften (und hoffen) das Beste und fuhren unseres Weges. Doch wenn ich vorhin von zwei Fahrern sprach, so habe ich eigentlich gelogen: Denn es waren drei. Kurz nach den Kraftwerken haben wir in einem kurzen Aufstieg zu einem älteren Herrn aufgeschlossen. In der Ebene vermochte er unser Tempo zu halten und so fuhren wir Rad an Rad weiter. Erst einige Kilometer später kamen wir ins Gespräch. Er war gerade auf seiner üblichen Sonntagmorgenrunde. Er wohnte hinter einem der vielen Hügel und machte jeweils eine Tour dem Fluss entlang und dann wieder hinter der Hügelkette zurück. Es war eine willkommene Abwechslung, dass wir zu dritt waren. So konnten wir trotz des einsetzenden Gegenwinds im Windschatten ziemlich Tempo fahren, ohne gross Kräfte zu verschwenden. Der Herr machte uns auch auf eine Alternativroute aufmerksam, der wir aber nicht folgten. Wir fragten ihn aber nach dem richtigen Abzweiger und verliessen zwei Ortschaften weiter den gemeinsamen Weg. „Bonne route!“

Kurz vor der Siesta
Bei Saint-Montan
Unser Weg führte uns nach Viviers und dann leicht abseits des Flusses durch eine Talsohle nach Bourg-Saint-Andéol. Hier war es Zeit für die Mittagspause. Mal wieder waren wir zur Mittagszeit in irgendeinem Kaff gelandet. Zwar fanden wir schnell die Burg und auch den Hauptplatz mit Brunnen, Bänken und schattenspendenden Bäumen. Doch von einem Supermarkt oder ähnlichem war weit und breit keine Spur. Also machte ich mich auf die Suche. Kreuz und quer durch das Städtchen. Vorbei an einem Briefmarkensammelladen und einer Halal-Metzgerei mit äusserst komischen Gestalten vor den Eingängen fand ich schliesslich einen kleinen Supermarkt. Der Ladenbesitzer war gerade daran, alle Fruchtstände für die Mittagspause in den Laden zurückzuschieben. Als ich fragte, ob ich noch kurz kommen könnte, wies er mich unfreundlich ab. Erst als ich nachhakte und sagte, dass es nur ganz schnell ginge, stimmte er zu. Also husch, rein ins Haus. Ich dachte gerade noch daran, dass ich alles doppelt kaufen müsste, da mein Bruder sonst vor dem geschlossenen Laden steht. Also zwei Wasser, zwei Cola, zwei Sandwiches, zwei Salate, zwei Riegel. Zum Glück war die Frau, die mich an der Kasse bediente freundlicher. Merci et au revoir!

Mittag in B.-S.-Andéol
Petrus mag uns nicht
Nach köstlichem Snack und ausgiebigem Nickerchen ging es dann weiter. Doch es ging nicht einfacher als am Morgen. Im Gegenteil, der Gegenwind hat zugenommen. Uns kam der Gedanke, ob uns Petrus aus der Pizzeria vom Vorabend vielleicht mit „schlechtem“ Wetter bestrafen wollte, weil mein Begleiter seine Pizza nicht ganz aufgegessen hat. Doch das trauten wir dem Herrn Petrus aus Saint Peray dann doch nicht zu. Zusammen mit der trockenen Luft und den unglaublichen Temperaturen machte es der Wind wirklich schwierig, nicht daran zu denken, warum man sich so was antut. Doch der Gedanke verflog schnell wieder. Irgendwie beginnt man, den Gedanken je länger je weniger zu erlauben. Auf früheren Reisen hätte ich bei solchen Bedingungen kapituliert, hätte gestoppt und wäre zur Abkühlung in den nächsten Pool gesprungen. Doch nicht so dieses Mal. Ich denke, es war der blosse Ehrgeiz, der manchmal dafür sorgte, dass wir weiterfuhren. Nachdem ich in Neuenburg bereits alle Motivation zusammennahm um weiterzufahren, waren die Hitze und der Wind viel eher ein laues Lüftchen, welches meiner Motivation zu schaffen machte. Wie sagte Herr Kahn so schön: „Weiter, weiter, immer weiter!“

Petrus mag uns immer noch nicht
In Sauveterre
Über Bagnols-sur-Cèze näherten wir uns immer weiter flussabwärts fahrend unserem heutigen Ziel Avignon. Doch jeder Kilometer kostete viel Kraft, Leistungskilometer und gefahrene Kilometer waren auf der imaginären Grafik weit auseinander. Jede noch so kleine Windschatten spendende Hügelflanke, Mauer oder Allee waren äusserst willkommen. Wir kämpften uns so von Ort zu Ort: Saint-Génies-de-Comolas, Roquemaure, Sauveterre. Hier konnten wir nicht mehr. Kraft und Motivation war aufgebraucht. Wir setzten uns in einem Pausenhof einer Schule auf eine Bank, tranken unser letztes Wasser, assen unser letztes Brot, unseren letzten Riegel. Es waren nur noch einige Kilometer bis Avignon, doch es schien noch unendlich weit entfernt. Doch alles Jammern half nichts. Aufsitzen, weiterfahren!

Mars macht mobil
Mühsam und mit letzten Kräften kämpften wir uns der Rhone entlang nach Villeneuve-lès-Avignon. Sogar bis hier her gab es noch eine Pause: In einem kleinen Tante-Emma-Laden gab es Wasser, Cola und ein Mars-Eis-Riegel. Herrlich! So hatten wir die Kraft uns bis zu eben jenem Villeneuve und auch noch über die letzten beiden Brücken nach Avignon zu kämpfen. Hier sei erwähnt, dass bereits der Blick von der in die Stadt führenden Brücke wunderschön ist.

Vor Avignon
Schon wieder?
Nun, geschafft. Blieb nur noch ein Hotel zu suchen, was in einer solch touristischen Stadt kein Problem sein sollte. Wenn da bloss nicht das Theaterfestival gewesen wäre. Schon wieder ein Festival, bereits das zweite nach Neuenburg. Während dreier Wochen im Juli trifft sich anscheinend die ganze Welt der schrägen Vögel und lustigen Gestalten in Avignon. Die Strassen waren voll von Leuten und Musikern. Überall hingen Werbungen auf Pappkarton. Teilweise waren ganze Häuserfassaden damit zugekleistert. Wir liefen kreuz und quer durch die Gassen, fanden aber ausser Absteigen und Luxushotels kaum Unterkünfte. Als wir am Hauptplatz standen, sagten wir uns, wir fragen zumindest mal in einem der etwas teurer scheinenden Hotels. Der Mann an der Reception des Kyriad Hotels hatte prompt noch ein Zimmer frei. Der Preis war zwar recht hoch, doch das seien eben die Festivalpreise meinte er. Die seien in der ganzen Stadt höher als sonst. Und die anderen Hotels wären ziemlich ausgebucht. Ob das stimmte oder nicht sei dahingestellt. Uns war es jedenfalls egal. Wir wollten nicht weitersuchen. Und wir wollten schon gar nicht weiterfahren. Zu gerne wollten wir aber diesen Abend in dieser Stadt mit diesen Leuten verbringen. Also: Einchecken.

Avignon by Freaks & by Night
Werbewand in Avignon
Nachdem wir unsere Räder im Notausgang abgestellt und uns geduscht hatten, ging’s auf Erkundungstour. Vorbei an Boutiquen und Supermärkten an der Hauptstrasse, Glaceständen und Souvenirshops. Überall auf den Strassen waren Menschenmassen. Immer wieder versuchten ein Strassenkünstler oder eine Tanzgruppe ihr Glück. Nach dem Abendessen in einem italienischen Restaurant, bei dem uns unser Tischnachbar dank seiner scheinbar natürlichen Kompliziertheit und seinem Übersetzer-App auf dem Smartphone köstlich unterhielt, machten wir noch die Tour durch die Stadt. Die Burgen und Statuen bei Abendlicht, im Scheinwerfer oder im Dunkeln, ein Foto von der Menge auf dem Platz vor der Papstpalast und zum Abschluss ein Gang zur Pont d’Avignon.
Wir haben alles geschafft, wir waren alle geschafft!

Anbei noch ein interessanter Link, auf dem alle Atomkraftwerke in Europa ersichtlich sind. Dazu gibt’s weitere Informationen (Seite eines Drittanbieters)



Samstag, 9. Juli 2011

Tag 6 - Saint Péray

Das Programm war auch heute dasselbe. Doch nicht alles war gleich: Es war bereits nach acht Uhr, als wir aufstanden. Da wir gestern beim Shoppen einige Schnäppchen gemacht hatten, mussten wir heute noch zur Post. Denn die neuen Sachen hatten zum einen keinen Platz im Rucksack und zum anderen wären sie nur unnötiger Ballast gewesen. Mein Bruder ging also zur nahegelegenen Hauptpost und organisierte ein Paket. Als er zurück war, packte er alles da hinein, was wir nicht mehr benötigten: neben den neuen Kleidern unter anderem auch die Schweizer Strassenkarte und sogar das Schweizer Kleingeld. Ich füllte in dieser Zeit das Formular für den Versand und den Zoll aus. Ich fragte mich schon dort, was wohl der Zöllner denken wird, wenn er das Paket sieht, welches von mir an mich gesendet wurde - mit der Angabe des Inhalts und der Deklaration „propriété privée“.

Bei Sarras
Versuch geglückt
Als wir nun alles erledigt hatten, ging es los. Wir holten unsere Räder aus dem Innenhof und machten uns bereit. Ich montierte noch kurz einen Sattelüberzug, den ich mir tags zuvor gekauft hatte. Dieser sollte vermeiden, dass der Sattel, der am vorderen Ende begann abzublättern, weiter kaputt ging, und sollte darüber hinaus helfen, meine immer noch vorhandenen Blessuren vergessen zu machen. Das Ganze war zu Beginn zwar nicht mehr als ein Versuch, doch sehr schnell stellte sich heraus, dass die knapp zehn Euro extrem gut investiert waren. Das Sitzen war fortan um einiges angenehmer.

Nachwehen
So fuhren wir, nachdem wir das Paket wiederum bei der Post aufgegeben hatten, der Rhone entlang gen Süden. Vorbei am Hafengebiet fuhren wir hinauf nach Oullins und Charly, bis wir nach einer Frühstückpause in Vernaison die Rhone wieder überquerten und danach der parallel zum Fluss laufenden Autobahn folgten. Das Frühstück wirkte für mein körperliches Wohlbefinden Wunder. Darüber war ich heilfroh, denn seit unserer Abfahrt in Lyon hatte ich schon einige Male bereut, am Vorabend Haribo-Bams gekauft und vor allem gegessen zu haben, welche ihre besten Zeiten schon eine Weile hinter sich hatten. Leider stellte ich dies erst heute Morgen fest.

Vienne
Hitzestreik
Einige verkehrsreiche Kilometer später erreichten wir zur Mittagszeit Vienne. Die brütende Hitze und stehende Luft zwangen uns, hier eine Mittagspause zu machen, welche wir aber gerne für einen Imbiss und ein Nickerchen nutzten. Über Saint-Clair-du-Rhône und Saint-Maurice-l’Exil ging es weiter nach Le-Péage-de-Roussillon. Hier wechselten wir via Sablons wieder die Flusseite. Doch bevor wir weiterfuhren, machten wir Halt in Serrières. Leider waren die Läden geschlossen am Samstagnachmittag. So genossen wir zur Erholung einfach die Atmosphäre am Fluss und fuhren danach mit mehr als halbleeren Flaschen weiter. Wir folgten dem Fluss und gelangten nach Champagne und Andance – hier konnten wir auch unsere Vorräte wieder auffüllen. Nach Sarras und Ozon erreichten wir Tournon-sur-Rhône. Obwohl es nach wie vor noch ziemlich heiss war, lief es seit Serrières doch einiges besser. Die Sonne stand nicht mehr so hoch, die Strassen waren leerer und die flachen Kilometer von Ort zu Ort entlang der Bahnlinie waren recht kurzweilig.
Halt in Serrières
So durfte es von uns aus auch auf den verbleibenden Kilometern bleiben. Leider war es nicht ganz so toll. Es ging noch einige Male leicht auf und ab, doch nichtsdestotrotz gelangten wir kurze Zeit später über Châteaubourg ziemlich angenehm nach Saint-Péray. Wir hatten uns im Verlaufe des Tages entschlossen, nicht extra in die Stadt Valence auf der anderen Flussseite hineinzufahren, da die Fahrt durch Städte viel Zeit in Anspruch nimmt und vor allem das Hinausfahren am Morgen recht mühsam ist. Doch auch wenn uns die Grossstadt erspart blieb und sich die letzten Kilometer und vor allem jene davor recht unbeschwert fuhren, waren wir bei unserer Ankunft trotzdem platt. Die heissen Temperaturen und der viele Verkehr vom Morgen und Mittag hatten extrem an den Kräften gezerrt.

Gute, alte Logis
Bereits eingangs des Dorfes fanden wir ein Hotel mit Logis-Zeichen. (Die Logis-Kette kannten wir bereits von unserem Trip nach San Sebastian. Damals vor 4 Jahren waren die Hotels mit kleinem Kaminlogo ein sicherer Wert. In der Zwischenzeit hat das Label eine Auffrischung erhalten, steht aber nach wie vor für Qualität & Gastfreundschaft zu einem fairen Preis. Link zur Homepage siehe „die Unterkünfte“.) Da man aber nicht immer gleich das erstbeste nehmen sollte, entschlossen wir uns, noch kurz eine Runde um das Dorf zu drehen. Wenig später standen wir aber wieder hier beim Hotel Badet – dem nach erster Einschätzung besten Hotel am Platz – und ergatterten uns unser Zimmer.

Chez Petrus
Bei der Wahl des Lokals für das Abendessen hatten wir die Qual der Wahl und mussten uns schliesslich nur für das kleinere Übel entscheiden. In der Pizzeria chez Petrus assen wir schlussendlich aber doch lecker (bzw. hatte mein Bruder bei der Wahl der Pizza weniger Glück) und wurden zudem Zeuge diverser überaus witziger Vorkommnisse, welche sich hier am Hauptplatz abspielten.
Gut unterhalten und mit einem zweiten Dessert aus dem Supermarkt kehrten wir danach ins Hotel zurück und liessen die Nacht einbrechen.


Immer noch 26° C abends um 21 Uhr

Freitag, 8. Juli 2011

Tag 5 - Lyon

Bei Priay
Geweckt von der Musik, die mir das französische Fernsehen in Form des Senders W9 präsentierte, nachdem mein Bruder eingeschaltet hatte, war der Start in den Tag recht angenehm. Vom offenen Fenster her kam ein angenehm frischer Wind. Das Gewitter und der Regen des Vorabends haben die Luft reingewaschen. Die frische Luft und die leichte Bewölkung kombinierten sich so zu sehr angenehmem Wetter. Es konnte bald weitergehen.

Kurze Etappe
Heute stand Lyon als Etappenziel an. Es waren keine sechzig Kilometer bis dorthin. Die Vorfreude war – zumindest bei mir – bereits jetzt riesig. Ich durfte die wunderschöne Stadt, die an der Mündung der Saone in die Rhone liegt, in zwei früheren Besuchen kennen und lieben lernen.

Weiter flussabwärts
Meximieux
Wir fuhren also der Ain entlang weiter. Um dem Verkehr so gut wie möglich auszuweichen, entschlossen wir uns, die Nebenstrasse auf der Westseite zu nehmen. So führte uns unser Weg über Priay und Châtillon-la-Palud durch Wiesen und Wälder bis nach Meximieux. Nach einem kurzen Gipfeli-Halt ging es zügig weiter, da wir eigentlich um die Mittagszeit in Lyon sein wollten. Von Meximieux an mussten wir auf die Hauptstrasse. Der viele Verkehr hat aber durchaus auch einen Vorteil: Durch die unangenehme Situation fährt man automatisch ein bisschen schneller. Zudem war das Verkehrsaufkommen dank der nahen Autobahn nicht ganz so schlimm wie angenommen. Wir erreichten bald Montluel und wenig später Beynost. Spätestens hier befand man sich in der Agglomeration der Millionenstadt Lyon. Gefühlte hundert Anstiege und Rotlichter später standen wir beim Kongresszentrum, von wo aus es der Rhone entlang nur noch ein Katzensprung war bis ins Stadtzentrum.

Hotelsuche
Nach einem gemütlichen Spaziergang von der Oper bis zum Place Bellecour durch die Fussgängerzone steuerten wir auf direktem Weg zum Office du Tourisme. Der Herr dort buchte uns direkt ein Hotel, welches in unmittelbarer Gehweite vom Hauptplatz lag, auf dem wir gerade standen. Doch Gehen war nicht unsere Welt. Wir rollten auf unseren Rädern der Rue de la Charité entlang an der Hauptpost vorbei hinunter bis nach Perrache.

Waschtag
Nachdem wir im Hotel eingecheckt hatten, mussten wir feststellen, dass unser Zimmer noch nicht fertig war. Angesichts der Tatsache, dass es erst etwas nach 13 Uhr war, konnte man sich aber nicht beklagen. So deponierten wir unsere Sachen und machten uns in der Radfahrerkluft auf in die Stadt. Schnell wurden wir auf unserer Suche nach einem Snack fündig. Ein Panini und drei Döschen Citronade, welche heute gratis verteilt wurden, später kehrten wir in unser frisch gemachtes Zimmer zurück, um kurz zu duschen. Direkt danach machten wir uns auf zum nächsten Wäschesalon, wo wir all unsere Kleider mal waschen wollten, damit wir in den nächsten Tagen am Morgen jeweils nicht in diese monoton stinkende Kleidung schlüpfen müssten. Gesagt, getan.
Während mein Bruder im Salon darauf wartete, dass die Kleider fertig gewaschen waren, machte ich mich auf die Suche nach einer Schnur. Diese sollte uns als Wäscheleine dienen. Der Verzweiflung nahe habe ich in einem Supermarkt dann endlich eine Schnur gefunden. Die Nylonschnur entsprach zwar in Material und vor allem Preis nicht dem, was ich mir vorgestellt hatte, doch ich war froh, überhaupt etwas Brauchbares gefunden zu haben. Mit der sauberen, aber nassen Wäsche und der Schnur ging es also zurück ins Hotelzimmer. Innert kurzer Zeit waren die Schnüre kreuz und quer durch das kleine Zimmer gespannt und die Wäsche aufgehängt: Ein Bild, das den Hotelbesitzer wohl hätte erschaudern lassen.

Stadtbummel
Uns war es recht, hatten wir doch, was wir wollten. So konnten wir getrost auf einen Stadtrundgang gehen. Für jene, die demnächst selbst Lyon besuchen wollen, sei hier als Tipp erwähnt: die Fussgängerzone von der Oper bis zum Bahnhof Perrache, das Viertel um das Rathaus, die engen Gassen der Altstadt am Fusse des Fourvière sowie das Einkaufszentrum Part-Dieu direkt beim gleichnamigen Bahnhof. Besonders am Abend sollte man sich die Stimmung in der Altstadt nicht entgehen lassen.
Leider fanden wir hier aber kein Restaurant, das uns zusagte. Man konnte meinen, die Speisekarten seien alle vom selben Koch geschrieben worden. Und dieser Koch hatte scheinbar andere Vorstellungen vom Essen als wir. Vielleicht hätten wir einfach ein Menu ausprobieren sollen, doch uns war nicht danach. Als uns dann das einzige Ristorante abwies, weil man – trotz voller Terrasse – gerade schliesse, gaben wir die Hoffnung auf und landeten schliesslich im McDonalds.

Nun, auch danach waren wir gesättigt und verkrochen uns in unser unter trocknender Wäsche verstecktes Bett.


Donnerstag, 7. Juli 2011

Tag 4 - Pont-d'Ain

Heute war ein guter Tag. Weshalb? Keine Ahnung. Wir hatten keine Ahnung, wie das Wetter sein wird. Wir hatten keine Ahnung, wie die Strecke sein wird. Wir hatten keine Ahnung, wie der Verkehr sein wird. Eigentlich hatten wir eine Ahnung, aber die versprach uns Schauer, Höhenmeter und viel Verkehr. Und dennoch sind wir nach den allmorgendlichen Ritualen ziemlich motiviert aufgestiegen. Wir waren wohl beide in einer Art gespannter Vorfreude, da wir uns erhofften, im Rhonetal zwischen Genf und Lyon einige schöne Landstriche zu durchqueren.


Grenzgänger
Halt in Chancy
Wir verliessen die Region Genf über Lancy, Obex und Bernex und nutzten die ersten Kilometer als Starthilfe, denn sie führten leicht abfallend bis zur schweizerisch-französischen Grenze. Im letzten Ort auf Schweizer Boden machten wir unseren Frühstückshalt. Dazu war der kleine Supermarkt, der mitten in einer Kreuzung im beschaulichen Chancy stand, ideal. Während wir uns eine Freude daraus machten, die passierenden Fahrzeuglenker übertrieben freundlich zu grüssen, machten sich jene wohl eine Freude daraus, uns, zwei merkwürdige, auf einer aus einem riesigen Baumstamm geschnitzten Bank sitzende Gestalten, dumm anzustarren. Frisch gestärkt ging es sodann weiter. Wir waren uns bewusst, dass auf der französischen Seite eine stark befahrene Strasse wartet. Diese führte uns durch die Täler bis nach Bellegarde-sur-Valserine. Von da an – so hofften wir – sollte die nahegelegene Autobahn einiges an Verkehr schlucken.

Idylle
Über der Rhone
Kaum hatten wir die Rhone – und damit die Grenze – zwischen Chancy und Pougny überquert, erreichten wir die erwähnte Hauptstrasse. Bald stellte sich auch heraus, dass wir mit fast all unseren Erwartungen richtig gelegen haben. Die Strassen gingen rauf und runter und waren stark befahren. Doch dafür wurden wir mit wunderschönen Landschaften entschädigt. Nur das Wetter verhielt sich anders – besser. Blauer Himmel und purer Sonnenschein verschönerten die Landschaft zusätzlich. Eine kleine Überraschung gab es dennoch, denn wir haben nicht damit gerechnet, durch mehrere Tunnels fahren zu müssen beziehungsweise zu dürfen.

Die Kurven bis Nantua
Das Rhonetal
So ging es durch die Wälder, bis wir nach einer rasanten Abfahrt im Zentrum von Bellegarde standen. Doch kaum hatten wir die Senke erreicht, ging es auf der anderen Seite des Dorfplatzes mindestens gleich steil wieder empor. Nach einer Extrarunde, die nötig wurde um die richtigen Gänge einzulegen, fuhren wir also wieder bergauf. Kurvige Strassen führten uns vorbei an der TGV-Strecke über Trébillet am Lac de Sylans vorbei zum Lac de Nantua. Diese Strecke von Bellegarde nach Nantua hatte es extrem in sich. Denn während die parallel verlaufende Autobahn immer auf etwa gleicher Höhe gehalten wurde, verlief unsere Strasse mal auf der Talsohle, mal auf einer Anhöhe. Zur nun einsetzenden Bewölkung gesellte sich ein zwar schwacher, aber äusserst unangenehmer Gegenwind.
Vor Nantua
So waren wir beide sehr froh, als wir endlich in Nantua eintrafen. Ebenso froh war wahrscheinlich auch der Lastwagenfahrer, der bereits eine ganze Weile hinter uns herfahren musste, da er nicht vorbeikam. Doch wir gaben ihm zuliebe unser Bestes, hauten in die Pedale und bretterten so schnell es ging bis ins Zentrum. Nach einem freundlichen Winken und gegenseitigen Schmunzeln beim Passieren war die Sache dann auch mehr als erledigt.

Am See
Lac de Nantua
Es war Mittagszeit. Unsere Wasserflaschen waren leer. Wenn sie hätten knurren können, hätten sie wohl ähnliche Geräusche gemacht wie unsere Mägen. Es war also Zeit für das Mittagessen. Bei der Fahrt durch das Örtchen fielen uns zwei Supermärkte auf. Doch der eine schien seine offenen Tage hinter sich und der andere wegen der Mittagszeit geschlossen zu haben. Erst einige Runden und Wendemanöver später fanden wir noch einen Laden, der geöffnet hatte. So deckten wir uns mit dem Gewünschten ein und suchten uns ein nettes Plätzchen am See, wo wir bei zügigem Wind aber bester Aussicht unser Mahl genossen.

Auf zur Ain!
Es war dies der Moment, in dem wir uns entschlossen, unsere Route leicht umzustellen. Anstatt wie geplant von hier über Maillat und Saint Alban nach Poncin zu fahren, entschlossen wir uns, direkt an die Ain zu steuern, um danach einfach dem Flussverlauf folgen zu können. Über Brion gelangten wir nach Nurieux-Volognat. Hier sei dem Pärchen zu danken, welches uns am Kreisel in Brion weiterhalf und sagte, wir sollen nur dem „TGV“, nein, dem „chemin de fer“, dem „train“ folgen. Auch wenn wir’s bereits verstanden hatten, danke!

Zu früh gelacht
Aufstieg zum Col du Berthiand
Hinter Nurieux waren wir zum Spassen aufgelegt. Eine Tafel pries uns den Col du Berthiand an, dessen 780 Meter über Meer uns im ersten Moment aber nur ein müdes Lächeln entlockten. Zwar war ebenso ein in der Ebene verlaufender Radweg „l’Ain à vélo“ ausgeschildert, doch angesichts unserer Rennräder und den uns umgebenden Wäldern und Bergen vertrauten wir nicht darauf. Also ging’s bergauf. Bereits wenige Kurven später mussten wir feststellen, dass es doch höher war als angenommen. Schliesslich hatten wir keine Ahnung auf welcher Höhe wir unten bei der Tafel waren.
Aussicht vom C.d. Berthiand
Viele Pedalumdrehungen und einige witzige Sprüche zur Stimmungsaufheiterung später war es aber dann geschafft. Die siebenhundertachtzig Meter waren erreicht und die Abfahrt wartete auf uns. Gerne erinnere ich mich an jenes Gefühl zurück, welches du hast, wenn du auf guter Strasse nur aufzusitzen brauchst und ohne einmal zu treten locker sechzig Stundenkilometer erreichst. So war es auch eher erholsam als kräfteraubend zweimal zum Geniessen der Aussicht anzuhalten.

Flussabwärts
Bei Merpuis
Ausnahmsweise fühlte sich hier die Abfahrt länger an als der Anstieg. Doch mein Bruder wäre beinahe zu weit gefahren. Da er den Abzweiger verpasst hat, zischte er an mir vorbei und wäre prompt weiter unten über die Ain gefahren. Hätte ich ihn nicht zurückrufen können, hätte er wohl auf dem Rückweg zusätzliche Höhenmeter machen müssen. Unser Weg führte uns nämlich rechts von der Hauptstrasse weg nach Serrières-sur-Ain. Von hier aus ging es auf einer kaum befahrenen Uferstrasse dem Fluss entlang über Merpuis nach Poncin. Zurück auf der Hauptstrasse gelangten wir nach Neuville-sur-Ain, wo wir unseren letzten Halt an diesem Abend gemacht haben. Mit gefüllten Tanks ging es auf die letzten Kilometer nach Pont-d’Ain, unserem heutigen Etappenziel.

Bestes Haus am Platz
Endlich war die Hotelsuche, wie man sie sich wünschte. Wir steuerten das beste Hotel am Platz an (es war auch das einzige) und bekamen prompt unser Zimmer. Nachdem wir die Räder in der Garage abgestellt hatten, ging zur Erholung und Erfrischung aufs Zimmer. Während ich den kostenlosen WiFi-Zugang auskostete, zappte sich mein Bruder durch das Fernsehprogramm. Doch auch an diesem Tag überkam uns irgendwann der Hunger.

Mit Dessert
Direkt schräg gegenüber auf der anderen Strassenseite fanden wir eine Pizzeria, welche uns ein Abendessen bot, welches für lange Zeit das Beste bleiben sollte. Einem ausgezeichneten Salat folgte eine schmackhafte Pizza. Abgerundet wurde das Ganze von hausgemachtem Schokomousse. Auch wenn dadurch der Tagesbedarf an Zucker eines ausgewachsenen Bären gedeckt worden wäre, war es extrem lecker. Zum Abschluss wollten wir noch zum Fluss. Doch gerade als wir dort ankamen, setzte Regen ein. So blieb uns nichts anderes übrig, als – vorbei an einer Sammlung witziger Zeichnungen – zurück zum Hotel zu gehen.








Mittwoch, 6. Juli 2011

Tag 3 - Genf

Der Optimismus des Vorabends war schnell verschwunden. Geweckt vom Scheppern der Stühle, die auf der Piazza wieder aufgestellt wurden, und den Putzmaschinen, welche die Spuren des letzten Abends verwischten, hiess es, keine Zeit zu verlieren: Richten und Packen.

Com’on!
Doch oje, meine Blessuren wurden kaum besser. Zwar war die Salbe die erhoffte Hilfe, doch das Pflaster war seinen Preis nicht wert, hielt es doch kaum auf der Haut. Allerdings hatte ich keine Wahl. So verband ich alles, so gut es eben ging, während sich mein Bruder vom inbegriffenen Frühstück des Hotels überzeugen liess. Darauf musste ich leider verzichten, Wundversorgung geht vor. Mir schwirrte sowieso andauernd nur durch den Kopf, wie ich das nur machen soll. „Na gut, heute fährst du bis Genf. Morgen dann bis Pont-d’Ain. Und am Freitag bist du schon in Lyon. Dort kannst du das Velo dann getrost stehen lassen. Dann hast du wenigstens etwas erreicht. Ein paar gemütliche Tage in Lyon und dann wieder nach Hause.“ In keinem Moment hätte ich an jenem Morgen daran gedacht, dass ich es bis nach Saragossa schaffen könnte. Selbst das Mittelmeer schien unerreichbar, als ich auf der Bettkante sitzend der Verzweiflung immer näher kam. Doch bis Lyon wollte ich auf jeden Fall, also hielt ich mich ganz an Oli Kahn, dessen „Weiter, weiter, immer weiter!“ mich von der Bettkante auf den Fahrradsattel brachte. Auf geht’s!

Dem See entlang
Auf der Hauptstrasse ging’s dem See entlang über Colombier und Boudry immer Richtung Südwesten. Nach einer kurzen Supermarkt-Pause, die für mich gleichzeitig das Frühstück beinhaltete, ging es zügig weiter. Die Strassen waren dank der parallel verlaufenden Autobahn ziemlich leer, aber dennoch in einem hervorragenden Zustand. So waren wir recht schnell einige Kilometer weiter und erreichten bald Yverdon.

Städtebummel
Altstadt von Yverdon
Mein Bruder war schon lange nicht mehr und ich noch nie so richtig hier. Wir stiegen daher von unseren Rädern und schlenderten durch die Fussgängerzone. Die schmalen, sauberen Gässlein wussten zu gefallen. Doch zu lange wollten und durften wir uns nicht hier sonnen, hatten wir doch noch einen weiten Weg vor uns. Nach einem weiteren Supermarkt-Besuch, bei dem mein Bruder sich noch den vergessen gegangenen Adapter zum Aufladen seines Musikplayers besorgte und Linsen holen wollte beim Optiker, von wo er aber mit einem Markenmuster und einem breiten Grinsen über die misslungene Unterhaltung wieder zurückkam.

Fahrt ins Unbekannte
Entlang der Thielle
Frisch gestärkt, gut versorgt und mit vollen Wasserflaschen ging’s also weiter. Wir fuhren ins Ungewisse. Von einer Tour mit der Familie hatte ich noch einige starke Steigungen in Erinnerung. Doch diese Tour war Jahre her und die Erinnerung sollte sich später zum Glück als falsch herausstellen. Aber das Ganze von vorne: Wir verliessen Yverdon und steuerten dem Thielle-Damm entlang gen Chavornay. Leider war die Beschilderung nicht ganz eindeutig, so dass wir eine Zusatzrunde um den Kleinflughafen gedreht haben und vor einem in einen Wiesenweg übergehenden Strassenende Kehrt machten. Beim zweiten Anlauf klappte es dann und wir fuhren durch riesige Felder kreuz und quer bis nach Chavornay. Ich freue mich, diesen Ort hier zu erwähnen, da sich die beschauliche Häuseransammlung wohl kaum in einem anderen Bericht findet. Bei uns verfing sie sich in den Erinnerungen, da wir uns ernsthaft überlegten, wie man hier wohnen konnte oder wollte – irgendwo im Nirgendwo. Doch für uns ging es gleich weiter. Der Bahnlinie entlang fuhren wir nach Bavois. Hier erwartete uns eine kleine Überraschung. Die Strasse führte unbefestigt weiter. Nach wenigen Metern mussten wir einsehen, dass Fahren nicht möglich war. Wir stiegen also ab und marschierten los.
La Sarraz
Gut zwei Kilometer weiter – in La Bernoise – ging’s dann fahrend weiter. So erreichten wir bald La Sarraz, wo wir uns trotz rechter Grösse dieselbe Frage stellten wie in Chavornay. Hier fanden wir auch eine Antwort: Es war dies der ideale Ort für Flüchtige und im Exil Lebende um irgendwo unterzutauchen und ein ruhiges Leben zu führen, ohne Gefahr zu laufen aufzufliegen.

Immer weiter!
Durch eine zwar hügelige, aber doch flachere Landschaft als in meinen Erinnerungen ging es über Cossonay weiter nach Morges. Von hier waren es nur noch einige flache Kilometer dem See entlang bis zum heutigen Etappenziel Genf – dachte ich. Doch der Wind wurde stärker, die Sonne heisser, die Luft dicker, die Kilometer länger. Bereits in Nyon war eine Pause überfällig. Wir setzten uns auf die Hafenmauer direkt am See, genossen die Aussicht auf See, Land und Leute. Wir ruhten uns aus und versuchten noch einmal, unsere Kräfte zu sammeln. So ging es weiter. Bald schon dachten wir, gleich hätten wir es. Doch die Agglomerationen vermittelten uns falsche Tatsachen. In Pregny war ich total platt, wäre am liebsten abgestiegen und hätte mich auf dem Radstreifen, der übrigens den gesamten Weg seit Morges direkt an der Hauptstrasse entlang führte, schlafen gelegt. Doch wie war das am Morgen? „Weiter, weiter, immer weiter!“

Willkommen?
Pause in Nyon
So erreichten wir irgendwann Genf. Dank eines früheren Besuchs hier konnten wir die Jugendherberge direkt ansteuern. Aber auch hier war uns das Glück nicht hold – ausgebucht. Wieder einmal ging es also auf Hotelsuche. „Kein Problem in einer Stadt wie Genf!“ – falsch gedacht! Um den Bahnhof herum, am Fluss, am See und auch in der Altstadt waren alle Hotels ausgebucht. Einmal mehr hätte man meinen können, man will uns hier nicht. Man sagte uns, es fänden gerade diverse Konferenzen, Tagungen und Messen statt. Ein Zimmer hätten wir noch kriegen können. Doch angesichts des beinahe baufälligen Erscheinungsbildes des Hauses war ich nicht bereit, hundertsechzig Franken dafür auszugeben. Wir überlegten noch kurz, einen Bekannten von uns anzurufen, den wir vor drei Jahren auf einer unserer Touren in Basel besuchten und der jetzt unseres Wissens in Genf wohnte, liessen es dann aber bleiben. Uns blieb also nichts anderes übrig, als noch einmal aufzusitzen und weiterzufahren.

Der Nase nach
Auf einer Kreuzung stehend und den Weg nach Chancy und Onex suchend half uns zum Glück eine Dame weiter, die mit ihrem Fahrrad gerade an uns vorbeifahren wollte. Sie zeigte uns den Weg, warnte uns aber, in Chancy und Onex gäbe es keine Hotels. Das seien Wohngegenden. Sie würde da nicht hinfahren. Wir liessen es dabei, vertrauten aber unserem Sinn für Duschen und Betten. Prompt fanden wir einige Kurven und Kreuzungen weiter in Lancy ein Ibis Hotel, in welchem man uns gerade noch das letzte Zimmer anbieten konnte – gekauft!
Nach der Dusche ging es spätabends noch auf die Suche nach einem schönen Restaurant. Tatsächlich fand sich gleich in der Nähe eine Pizzeria. Von der Familienfeier, die gerade stattzufinden schien, liessen wir uns nicht abhalten. Auch nicht davon, dass es zu dieser Uhrzeit nur noch Pizza gab – wieder nichts mit einem feinen Teller Pasta. All dies war uns ziemlich egal, solange wir uns danach nur wohl verdient und gesättigt in unser Bett fallen lassen konnten.